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Full text of "Zur Geschichte der Herzmäre"

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Wissenschaftliche Beilage zum Programm des Friedrichs-Gyranasiums 

zu Berlin. Ostern 1891. 



Zur Geschichte der Herzmäre. 

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Von 



Hermann Patzig. 



1891. Progr. Wo. 54. 



BERLIN 1891. 
R Gaertners Verlagsbuchhandlung 

Hermann Heyfxlder. 



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Wie so mancher StofT abendländischer Dichtung findel sich auch die Erzählung, welche 
Uhlands Kastellan von Coucy zu gründe liegt, bei den „ebenso phantastischen als phantasiereichen 
Indern, die das Geschäft des StofTertindens fast für die ganze Welt übernommen zu haben 
scheinen" (Benfey) wieder, vergl. G. Paris, Romania 12, worauf mich eine gutige Mitteilung von 
von R. Köhler aufmerksam machte. Allerdings ist die Geschichte nicht aus alter Zeit nachgewiesen, 
sondern bildet im Munde der heutigen Volkssänger des Penjab den Abschluts der Sagen und 
Lieder, in denen der Raja Rasalu zum Helden und Träger der verschiedenartigsten Mythen und 
Märchen gemacht wird. Die mir bekannt gewordenen schriftlichen Aufzeichnungen sind folgende: 

A. Tfie adventures of the Punjab hero Raja Rasälu by the Rev. Ch. Swynnerton, Calcutta 
1884, der drei Berichte giebt: 1) von einem Bauern aus der Gegend von Ghäzi (schon 
im Mai 1884 im Folklore Journal f veröffentlicht), 2) von einem Berufssänger aus der 
Gegend von Räwal Pindi, 3) von einem Sänger aus dem Grenzlande nach Kashmir zu. 

B. Ein Volksbuch in Panjabi vom Raja Rasalu in Labore gedruckt, aus dem Swynnerton 
S. 249 einen Holzschnitt wiedergiebt, mir nicht zugänglich. 

C. The Legends of the Panjab by R. C. Temple, Bombay 1884 I 1—65 Gesamtbericht 
niedergeschrieben von einem Dorfschulzen im Räwal -Pindi Distrikt. Hierauf bezieht 
sich wohl Swynnerton S. IV. 2) Hl 218 ff. Einzellied in Firozpur und den Hauptorten 
des Penjab gesungen. 3) Hl 227 ff. desgl. aus dem Hoshiärpur Distrikt vom Dichter 
Qädir Yär. 

D. Ein als Manuskript gedruckter Bericht von James Abbott, Calcutta 1851, benutzt nach 
dem Auszug in W. A. Clouston, Populär tales and ßctions, London 1887, 11 192. 
(J. Abbott im Journal of the Asiatic Society 1854 behandelt ein anderes Stück der 
Rasalusage.) 

Nach diesen Berichten gestaltet sich die Erzählung etwa folgendermafsen : 
Rasälu (Risalhu, Risälu, Risal, Rasal, Salu, englisch Russaloo) von Siälkot, Sohn des 
Königs Salbähan, erhält seine spätere Frau und Königin Kokilän (Koklän) am Tage ihrer Geburt 
von ihrem Vater, dem völlig märchenhafte Züge tragenden König Sirikap (Sarkap) von 
Kot Bhitaur, der die mit magischer Hülfe im Brettspiel Überwundenen zu köpfen pOegt, 
von ihm aber geschlagen und verschont wird. Er läfst das Kind zu Kheri-Murti (Murat, 
Murut, AM Ranithrod?), nachdem er daselbst einen mit ihr zugleich empfangenen Mango- 
zweig gepllanzt hat, auferziehen, und zwar in einem unterirdischen Palast (nur C*; Wieder- 

1* 



- 4 - 

bolung des Motivs: wie sein Bruder Puraii vor üiiii, hat er selbst und niitjhm sein an dem- 
selben Tage geborenes Hofs und sein Papagei zwölf Jahre in einem solchen Gebäude zugebracht). 
Es erhält Fleischnahrung, die er als Jat nicht zu sich nimmt (nur A^), wie er sich denn als 
solcher seine grofse Stärke und die Kraft seines Pfeilschusses nur durch Enthaltsamkeit bewahrt. 
Nach zwölf Jahren fangt der Baum an zu blühen, und Kokilan ist zur Jungfrau herangewachsen. 
Unzufrieden mit ihrem Geschick in der Ehe (was besonders in €'• ' hervortritt) wird sie von 
Rasalu auf seinem Rosse mit zur Jagd genommen; als er aber eine Hindin getroffen, läuft diese, 
statt wie sonst sieben Schritte auf ihn zu, noch sieben Schritte weiter fort, da seine Kraft geschwächt 
ist. Die Königin dagegen lockt, auf den Turm des Palastes steigend (nur C^), alsbald durch die 
sieben Strähnen ihres gelösten rabenschwarzen (C^ goldblonden) Haares oder durch ihr Halsband, 
mit dem sie ihn auch schmückt (C^), den König der Hirsche herbei (während sie nach C' selbst 
schiefst und den Hirsch verstummelt). Dieser wird von dem eifersuchtigen König der Ohren 
und des Schwanzes beraubt und fuhrt aus Rache den durch Verheerung seines Gartens zur Ver- 
folgung veranlafsten König Hödi, Sohn des Atki Mall von A^ok (C^) oder des Bhatti von (Jdhe 
(A^) oder des Hatia von Badna (C) oder des Afrassa von Hädä (Swynnerton 245^ zu Kokilan, 
während er selbst in einer dicht beim Palast gelegenen Höhle verschwindet. (D kennt die Jagd- 
geschichte nicht und läfst Hodi zufallig oder durch das Gerücht von der Schönheit der Königin 
angezogen nach Murut kommen.) Hodi gelangt auf den 86 (A'-'; nach C^ sind es 60) Stufen 
oder — ein bei den indischen Malern nach Angabe Abbotts beliebter Vorwurf — an einem Strick 
(A^C^*'D), den Kokilan herabgelassen hat, da er die schwere Riesenthör nicht zu öffnen, bezw. 
den Stein am Treppeneingang nicht fortzuwälzen (A^C^) und auch ohne Hülfe auf den drei 
Riesenstufen nicht hinaufzukommen vermag (C^), oder da er nicht durch die) von Menschen 
erfüllte Halle gehen will (D), zu dem von 86 Minos (vgl. Zeitschr. d. deutsch, morgenl. Ges. 
21.515) und 80 Papageien (A*; von 8 Fischadlern, 9 Wasserhuhnern und 5 Pfauen: A*) 
bewachten Palaste. (In A^ steigt Hodi von einem Mangobaum in den Hof hinab.) Bei der 
ersten Zusammenkunft (A'C'*'D), bei welcher Kokilan dem Könige Hodi zuvörderst drei Rätsel, 
Tau, Schatten, Blume aufgiebt (C*), oder bei der zweiten (C^) oder einer der nächsten (A^) 
verschafft sich ein mit der besonderen Sorge für die Königin beauftragter treuer Papagei, nach- 
dem seine Genossin, eine biedere Mino, von der Königin, der sie ihren Abscheu ausgesprochen, 
getötet ist, durch List die Freiheit unter dem Vorgeben, er wolle der Toten einen Fufstritt geben 
(AG) oder aufpassen, ob Rasalu käme (D). Er holt jedoch in Wirklichkeit den König, den er 
durch Besprengen mit Wasser weckt, aus den Jagdgeßlden von Ihulnä Kangan in Haziri (A) oder 
aus den Bergen von Kashmir (Cj oder aus Dumtur (D) herbei, und als dieser getragen von 
seinem Rosse, das bei Margala und Sang Jane müde wird, dann aber, als er es auf seine Bitte 
nicht mehr spornt, wie ein Pfeil davonfliegt, heimkehrt, sendet er, da Hodi zu Kokilans Entrüstung 
aus Furcht schon nach Hause geeilt ist, seinen eigenen Papagei Shädi mit dem der schlafenden 
Königin abgezogenen Ringe zu ihm, und läfst ihn unter dem Vorgeben, er selbst sei im Walde 
von Dämonen getötet, zu Kokilan entbieten (A'*'). Oder er überrascht Hodi und ßndet ihn 
hinter einem Schirm versteckt (C*) oder in einen Teppich gewickelt (C*) oder beim Herabsteigen 
auf der 30. Stufe (A^C^) vor dem Palaste. Er fordert den Gegner zum Kampfe, wehrt zwei 
seiner wider die Verabredung hintereinander abgeschossenen Pfeile mit]Schwert und Schild ab, 
und als beim dritten Schusse Hodis Bogen springt und er mit der Rache seiner drei Brüder (C; 



— 5 — 

in A sind es zwei Brüder) droht, trifft er ihn durch den Mangobaum hindurch (A *'•'), hinter 
dem er Schutz gesucht, mit seinem Hiesenpfeil zum Tode. £r reifst dem Toten das Herz (A*** 
C*-*), oder Herz und Leber (D) aus, oder er schneidet ihm auch nur ein Stock Fleisch aus (A^ 
C^) und den Kopf ab (AM* Alsdann fragt er die Königin: „Wer hat von meinem Brunnen ge- 
trunken, wer von meinen Mangos gegessen, wer gebadet?*^ u. s. w. (alle Berichte). Nachdem die 
Königin sein Brot gebacken und Hodis Herz gebraten (A^*'*^), oder nachdem der König selbst an 
ihrer Fieischgabel Hodis Herz, sie an seiner ein Stück Wildbret geröstet, und sie darauf, wie bei 
einem Festmahle, die Gabeln getauscht (C^, oder nachdem Rasalu Herz und Leber als Frikassee 
hat zubereiten lassen (D), und sie dann am Brunnen auf dem Hofe (A^-^-^; nach C^D im Palaste) 
gegessen, sagt die Königin zuerst: „Wie schön das Essen schmeckt! Was ist es?'' worauf Rasalu 
erwiedert: 

Der lebend deine Freude war, des Toten Fleisch hast du gegessen. 
(Warum sollte es dir nicht schmecken, da er dir im Leben ge6el?) 
(alle Berichte aufser D^ wo Rasalu zuerst fragt; „Weifst du, wessen Herz und Leber du gegessen?'' 
Von irgend einem Kalb. „Ja, von deinem petcalf Hodi.** Nach C vor der That gesprochen: 
Whom thou didst enjoy as a husband, thou shalt eat of bis flesh dead. C^ und C^ schliefsen 
hier ab). Sie wirft den Rest hin, Rasalu führt sie zu dem Körper (C^ oder zeigt ihr denselben 
von oben (A**'*'), und sie sagt: 

Wenn ich sitze, wird er (CS wirst du A^-*''C^) mir Vorwürfe machen, 
Wenn ich stehe, wird er (C\ wirst du A^-^-^C^) mich peinigen: 
Ich mufs auch mit ihm sterben, der mir zum Vorwurf gereicht. 
(D nur: dann will ich mit ihm sterben.) 

Darauf springt sie von den Mauerzinnen über die Felsen (A^-'-'CS fehlt C*-*) oder vom 
Balkon auf den gepflasterten Hof (D) herab und ist tot (A^-*) oder wenigstens scheinbar leblos (A*C^D). 

Es folgen nun verschiedene Nachspiele. Zunächst in A^*': Rasalu wirft Hodis und 
Kokilans Leichen in den Indus, und ein Wäscher erzählt ihm zum Trost die Geschichten vom 
Pseudoblinden, der den Geliebten seiner Frau in einer Matte fortträgt, und von dem Liebhaber 
im Kornkasten und den feinen Kuchen (vgl. v. d. Hagen Gesamtabt. LXI). Dann belagern die 
zwei Brüder Hodis Aianposh und Darantä den König, er zündet in einer Nacht die Burg an und 
wird am andern Morgen beim Ausfall durch einen neun Ellen langen Pfeil in den Hals getroffen 
und getötet. Nach andern, heifst es, ging er über oder unter den Indus und lebt fort, bis er 
einstens wiederkommen wird. > 

Nach A^ und C* wird die scheinbar leblose Kokilan mit dem toten Hodi auf dessen an 
Ohren und Schwanz verstümmeltes Rofs gebunden und in Sialkot Frau eines Wasserträgers und 
Stammmutter der drei Sippen Sahir, Gabir und Sir (C^), oder sie wird bei Attok Frau eines 
Gassenkehrers und Ahnfrau der Tehu, Kehu, Krehu und Sehu (A^), oder sie wird Frau des 
Prinzen von Ghayb, und von ihr stammt die Ghaybrasse ab (D). 

Nach D endlich läfst Rasalu aus Reue darüber, dafs er seines Weibes Untreue selbst mit 
verschuldet, über dem Brunnen, an dem sie so oft zusammen gesessen, ein Steinbild Kokilans 
errichten, welches der Berichterstatter General Abbott, freilich durch einen bigotten Mollah 
entstellt, im Jahre 1848 zu Murut, das nach ihm den Namen (Bildsäule) erhielt, selbst 
noch sah. 



- 6 - 

In Europa finden sich folgende gröfstenteils von G. Paris in seiner ausführlichen Besprechung 
des Romans von Sakesep Hist. liller. de ]a France 28 erwähnte Darstellungen: 

l. Der Frevler wird vom Mann erschlagen und die Frau stürzt sich herab. 

1. Die Lebensbeschreibung des Troubadours Guilem de Cabestanh. E. Beschnidt, Die Bio- 
graphie des Trobadors Guillem de Capestaing, Marburg 1879. Histoire generale de Languedoc X. 

2. G. Boccaccio, II Decamerone Giornata IV noveila IX. 

II. Der Gehebte wird vom Mann bezw. Vater getötet, und die Frau endet auf andere Weise 
als durch Sturz (Gram, Gift, Hunger, Kloster). 

1. Der Lai Guirun. Tristan, Becueil de ce qui reste des poemes etc. publ. par Fr. Michel, 
in, Londrcs 1839 (mir leider nicht zugänglich), vgl. Tristrams Saga ok Isondar hrsg. v. E. Kölbing, 
Ueilbronn 1878; F.Wolf, Über die Lais, Sequenzen und Laiche, Heidelberg 1841, S. 236; Tristan 
und Isolde von Gottfried von Strafsburg, neu bearb. von W. Herz, Stuttgart 1877, S. 561. 

2. Die Erzählung von Linaure bei Arnaut de Marsan. Raynouard, Choix des poesies ori- 
ginales des Troubadours, Paris 1815, II 308; Karl Bartsch, Provenzalisches Lesebuch ^ Elberfeld 
1855; Ad. Birch- Hirschfeld, Über die den Troubadours bekannten epischen Stoffe, Halle 1878, 
S. 90; Beschnidt a. a. 0. S. 20. 

3. Der nordfranzösische Lai d'Ignaure (von Benaut). Lai dignaures en vers du XII. si^cle 
par Benaut etc. publik par L. I. N. Monmerque et Francisque Michel, Paris 1832; K. Bartsch, La 
langue et la litt^rature francaises depuis le IX^"® siede jusqu'au XIV^™® siecle, Paris 1887, S. 554 ff. 

- 4. Le Cento novelle antiche (c. 1 193 — 1350), ed. Gualteruzzi (Bologna 1525) Nov. 62; 
ed. Borghini (Firenze 1572) in den Dichiarazioni; ed. Guido Biagi (Firenze 1880) nov. 29. 

5. Berlin Msc. germ. 4". 719 Bl. 134 ff. Drei mitteldeutsche Strophen im Tone Beinmans 
von Brennenberg mit der Überschrift: Als er sterben wolt, macht er diss dry. Drei desgl. mit der 
Überschrift: Van der frauwen gemacht. Vgl. Bartsch, Meisterlieder der Kolmarer Handschrift S. 163. 
Die Berliner Handschrift aus dem Ende des 15. Jh., von der ich das noch nicht Gedruckte, soweit 
es wert ist, herauszugeben gedenke, gehörte Clemens Brentano; von ihm erhielt sie J. Grimm, 
der sie 1827 an Meusebach schenkte (Briefwechsel des Freiherrn von Meusebach mit J. und 
W. Grimm, hrsg. v. C. Wendeler S. 74, 78, 340). Sie enthält: 1) 2—60 Des Spiegels Aben- 
Iheuer (Meister Altswert, hrsg. v. Keller). J. Grimms Abschrift Berl. msc. germ. 4**. 955. 

2) 61—65 Allegorisches Gedicht vom Gluck von Wammeshafft von Kufstein (nicht Waineshaft 
von Kungstein wie J. Grimm las und nach ihm K. Bartsch, Quellen zur deutschen Litteratur- 
geschichte giebt, vgl. HZ. 32, 44). J. Grimms Abschrift Berl. mscr. gerrii. 4^. 909. 

3) 68—101 Allegorisches Gedicht von der Minne, modernisiert herausgegeben von Sophie 
Brentano, Frankf. a. M. 1805. Andreas Capellanus von der Minne Sal in Verse gebracht mit 
Hineinarbeitung des Lai del Trot. J. Grimms Abschrift Berl. mscr. germ. 4^. 893. 4) 103—180 
Meisterlieder und Volkslieder, vgl. Böhme, Altd. Liederbuch 63, wo irrtumlich 4® 709 steht, 
und 257. Daraus einiges in des Knaben Wunderhorn, und die Lieder des Grafen von Wirtemberg 
von Keller herausgegeben. 

6. G. Boccaccio, II Decamerone Giornata IV. noveila. I. Die Novelle letterarie pubblicale 
in Firenze 1755 Tom. 16. 242 geben nur einen Auszug und keineswegs eine unabhängige aus 
gleicher Quelle geflossene Fassung. Hans Sachs, Tragedi des Fürsten Concreti. 

7. Ein hübsch lied von des Brembergers end und tod. In des Brembergers ihou. 1) Berlin 



- 7 — 

Kgl. Bibl. Yd 8586. 4 Bl. 8^ 2) Erlangen Incun. 1446» No. 26, 4 BI. 8^ a. 1500. 3) Berl. 
Kgl. Bibl. Yd 7801 No. 50. Einblattdruck. 4) v. d. Hagens Bucherschatz S. 44. 

8. Deutsches Volkslied vom Bremberger. 1) Niederdeutsches Liederbuch (ühland, Volks- 
lieder 75A). Brunenberch. 2) Hochdeutsche Übersetzung davon (mit Noten) in der Kopenhagener 
Handschiift des Jacob Erasmus Bipensis (1659) S. 154. BraiTnenberg. 3) Antwerpener Lieder- 
buch von Jan Boulans 1544 (hrsg. von Hofmann v. F., Hannover 1853. ühland 75 B). Branden- 
borch. 4) Berlin Kgl. Bibl. Yd 9748. Bremberger. 5) Grassliedlin (Mönchen vgl. Üocen Mise. 
I 261 ff. Lhland 75C). Der Brandenburger. 

9. Niederländisches Volkslied, aus noch in Flandern gesungenen (leider nicht genauer an- 
gegebenen unter sich verschiedenen?) Fassungen, den deutschen Volksliedern und dem Bericht von 
L. P. C. Bergh, Nieuwe Werken van den Maatschappij der Nederlandsche Letlerkunde te Leiden 
VI 1844. 290 zusammengestellt von J. F. Willems, Oude Vlaemsche Liederen, Gent 1848, LIH. 
Geht mit H 8, wie auch die von Willems ausgelassene Strophe 17 bei Bergh zeigt, auf II 5, sowie 
auf U 3 und H 6 (trotz der Handschrift des 15. Jh. (?) bei Bergh durch Hans Sachs vermittelt) zurück. 

10. Schwedisches Volkslied von Hertig Fröjdenborg och Fröken Adelin, oft gedruckt unter 
dem Namen Kärleksvisa (Gejer och Afzelius, Svenska Folk-Visor frän Forntiden I 95) geht auf 
H 3 und II 6 zurück. 

11." M"° d*Aulnoy, Memoires de la Cour d^Espagne, ed. de 1876, p. 107. 

III. Der ferne Geliebte befiehlt nach seinem Tode der Frau sein Herz zu bringen, und sie 
tötet sich selbst. 

Serinones (lobannis?) parati de tempore et de sanctis, Strafsburg 1487, Nürnberg 1502 
u. s. w., Sermo CXXIV. 

IV. Desgl., die Frau stirbt vor Gram. 

1. Chronique du chastelain de Couci et de la dame de Faiel, einer um 1380 geschriebenen 
französischen Chronik entnommen und erhalten bei Fauchet, Becueil de FOrigine de la langue et 
po^ie francoise, Paris 1581, 4*^. S. 124 (Chansons du chätelain de Coucy revues par Fr. Michel, 
Paris 1830). 

2. Von der minne oder der hertz spruch von Konrad von Wurzfourg. Hrsg. v. Fr. Both, 
Frankfurt 1846; v. d. Hagen, Gesamtabenteuer N. 11; Liederbuch der Klara Hätzlerin H 23; 
Lambel, Schwanke S. 269 f. 

3. Li roumans dou chastelain de Couci et de la dame de Fayel von Jacemes Saqesep. 
(L'histoire du chätelain de Coucy publ. par G A. Crapelet, Paris 1829). 

4. Niederländische Übersetzung des Bomans von Sakesep, vgl. Jonckbloet, Geschichte der 
niederländischen Litteratur, neueste (posthume) Aufl. (G. Paris, Bomania 1888). 

5. Niederländischer Roman. 2 Fragmente van den borchgrave van Couchi. Hrsg. von 
M. de Vries, Leiden 1887. 

6. Englische Romanze The Knight of courtesy, bei Ritson, metrical romances HI 93. 

7. Ho well Letters (1634) tome I, 6. serie p. 224. 

8. English chap-book. London, printed by E. B. near Ludgate 1707: The constant but 
unhappy lovers. Clouston a. a. 0. H 187. 

V. Trotzdem der Frevler nicht getötet und sein Herz nicht gegessen wird, gehört doch 
hierher: Ein hübsch Lied von dem Bremberger und einer Hertzogin von Österreich. 



— 8 — 

1. a) Ein liQbßch lied von dem Bremberger und von einer hertzogin von Österreich mit XV gesetzen. 
Nürnberg o. J. 6 Bl. 8^ (Erlangen» Incun. 1446* N. 27). b) Ein hübsch Lied von dem Bremberger 
und eyner Hertzogin von österrreich mit funfTtzehn gesetzen. o. 0. u. t, (Kunegund Hergotin) 
4 Bl. 8^ (Grofsherz. Bibl. z. Weimar, 14, 6 : 60e. N. 5.) Neue Ausgabe von a. c) Fliegendes 
Blatt 12^, am Schlufs: Getruckt zu Strafsburg (c. 1520 — 1530), abgedruckt in Alemannia, Zeitschrift 
für Sprache etc. des Elsasses Hl 2400*. 2. Dresdener Handschrift M. 8 Bl. 392: In des brenburgers 
Hofthon ein Ser alt gedieht Von dem Brenburger. 1590 gelieferte Abschrift einer Vorlage von 1474. 
Fragen wir nunmehr, welchen Weg die Erzählung gegangen ist, so ist es zunächst von 
grofser Wichtigkeit festzustellen, ob der Ausgangspunkt im Morgen- oder im Abendlande zu suchen 
ist Obgleich die indischen Fassungen der Gegenwart angehören, so leben sie doch im Volke und 
können, nach dem Charakter des indischen Volkes und seiner Märchen zu urteilen, viele Jahr- 
hunderte darin gelebt haben; jedoch fehlt es nicht an Beispielen, dafs abendländische Er- 
zählungen oder ursprunglich morgenländische in abendländischer Form nach Indien übertragen 
sind; und wenn auch alte indische Überlieferung vorliegt, ist bei der Länge der Zeit, die seit 
ihrem ersten Auftreten verflossen, immerhin der Fall in betracht zn ziehen, dafs sie durch 
fremden, abendländischen Einflufs in Einzelheiten umgestaltet sein können. Eine Übertragung 
aus dem Abendlande wäre aber nur seit dem 17. Jh. durch Portugiesen, Niederländer oder 
Engländer denkbar, und da die Geschichte allem Anschein nach bei ihnen nicht ursprünglich 
volkstumlich war, so dafs sie nach mündlichen Berichten hätte übernommen werden können, 
so bliebe nur der weitverbreitete und vielgelesene Boccaccio als Träger. Aber, wie grofse 
Ähnlichkeit auch seine Erzählung mit den indischen Fassungen hat, so fehlen doch in diesen 
mehrere Einzelheiten, die wohl mit aufgenommen worden wären, wie die frühere Bekanntschaft 
zwischen dem Gatten und dem Geliebten und zwischen letzterem und der Frau, sowie die Ein- 
ladung zum Abendessen; vor allem aber enthalten die indischen Erzählungen Züge, die sich nicht 
bei Boccaccio, wohl aber in den provenzalischen Lebensbeschreibungen Onden, so das Abschlagen 
des Kopfes und den daraus entnommenen Beweis, so die Bache der Brüder (in den Viten 
parenti, im niederländischen Volkslied Brüder der Frau), die Zerstörung des Schlosses, die Er- 
richtung des Bildes (bei Boccaccio sepoltura mit scritti versi, in den Viten: desseignar desobrel 
monumen?), den Sprung von Balkon oder Mauer (bei Boccaccio lätst die Frau sich rücklings aus 
einem Fenster fallen). Ferner spricht für die ürsprünglichkeit der indischen Erzählungen die 
bessere Begründung von Kokilans Vergehen durch das im Abendlande nicht zu verwertende Auf- 
treten Basalus als Jat, sowie die den sonst fast allgemein geltenden sittlichen Anschauungen ent- 
sprechende Auffassung des Ehebruchs als Schuld, gemäfs welcher statt der höhnenden Worte der 
Frau, nach so sufsem Essen wolle sie nichts anderes geniefsen, das Gefühl der Beue, bezw. der 
Notwendigkeit einer Sühne zum Ausdruck kommt. Mehr aber noch als diese Unterschiede möchten die 
mannigfachen örtlichen Beziehungen und Wandlungen der Sage, ihre enge Verbindung mit echt morgen- 
ländischen Geschichten sowie die weite Verbreitung in den unteren Volksschichten hervorzuheben 
sein. Umstände, die eine späte Übertragung aus der Fremde nicht wahrscheinlich machen. Endlich 
ist aber zu betonen, dafs sich für das Essen des Herzens in der indischen Tierfabel ein aller- 
dings von anderer Anschauung ausgehendes Seitenslück ßndet, dafs ferner Anthropophagie nach 
dem Osten weist (vgl. Herodot III 99), wie sie auch in der Geschichte Basalus verschiede nllich 
wiederkehrt (Temple, Legends I 34, 17), und dafs auch der zur orientalischen Lebensweise gut 



- 9 — 

passende Sturz auch in indischen Erzählungen sich wiederfindet, sei es dafs (Temple, Legends II 448) 
die Frau sich aus Sehnsucht nach dem Geliebten, oder die Ehebrecherin sich aus Verzweiflung 
herabstürzt, wie in der Geschichte der Könige Hindostans von Mir Cher-i AH Afsos (Journ. 
Asiat 4. ser. ill), der allerdings am Ende des vorigen Jahrhunderts schrieb, aber doch auf ältere 
Quellen zurückgeht. (Letztere Stelle erinnert eigentümlich an unseren Stoff. Nach anderen, 
heifst es, starb die Königin als treue Gattin durch einen Seufzer, nachdem ihr der König, um 
sie zu prüfen, die falsche Nachricht gesandt, er sei im Kampfe von einem Dew getödtet worden). 
Scblicfslich möchte ich zu erwägen geben, ob nicht der erste Anlafs zu unserer Erzählung 
mit Brauchen zusammenhängt ähnlich dem der nach eigener Überlieferung auf Ilindukultur 
fufsenden (Bastian, Indonesien 3, Junghuhn, Die Battaländer auf Sumatra 2, 15) Batta auf 
Sumatra, die den Ehebrecher zur Strafe und aus Bache verzehren, wobei der Betrogene zuerst 
die Lanze nach ihm wirft und sich das schönste Stuck erwählen darf, vgl. Marsden, The history 
d^ Sumatra 391 f., Junghuhn a. a. 0. 2. 156 ff., Bastian a. a. 0. 25, welch letzterer in den bei 
Herodot a. a. 0. erwähnten JJadaXoi^y die sonst im Nordwesten Indiens gesucht werden, die Batta 
sieht. Über die verschiedenen Motive des Herzessens vergleiche man Bich. Andree, Die Anthropophagie, 
Leipzig 1887. Nicht nur um der guten Eigenschaften teilhaftig zu werden, sondern auch um 
den Feind gänzlich zu vernichten und an ihm Bache zu nehmen, afs man Herz (und Leber) bei den 
Völkern fast aller Erdteile, vereinzelt auch zur Strafe für Verbrechen, Andree a. a. 0. 30. 58. 
Selbst das Trocknen und Zmreiben, wie es in IV 8 auftritt, zeigt sich im Volksgebrauch. 

Erscheint es sonach wenig wahrscheinlich, dafs die Erzählung von Westen nach Osten 
gewandert, so bleibt, da bei der Übereinstimmung der Einzelheiten an eine zufällige oder aus der 
Urzeit überkommene Gleichheit, etwa durch Zurückgehen der westlichen Formen auf alte keltische 
Überlieferung (G. i*aris, Histoire litteraire de la France 28, wo bei Besprechung des Bomans von 
Sakesep sich eine eingehende und ausführliche Zusammenstellung der verschiedenen Zweige der 
Erzählung findet) kaum zu denken ist, nur die Annahme des Gegenteils übrig. Sehen wir zu- 
nächst, ob dieselbe der Zeit nach möglich ist, das heifst, ob die indische Erzählung so alt sein 
kann, dafs sie um 1150 — so weit müssen wir nach dem lai Guirnn mindestens zurückgehen — 
in der uns vorliegenden, an Basalu geknüpften Form in Europa auftreten konnte! Wenn sie sich 
in dem Occan der Geschichten, der grofsen Sammlung Katha Saritsagara des Somad^va, auf 
welche so viele indische Erzählungen märchenhafter Natur zurückgehen, nicht findet, so Ist das 
noch kein Beweis gegen ihr Alter. Die Geschichte von dem Papagei und der Mina aber, welche 
der Bahmenerzählung des Tüti-nämah entspricht, ist nur wegen der Ähnlichkeit der Sachlage 
und des Ausgangs und doch wohl nicht ursprünglich mit ihr verbunden, geht auch weit über 
das Jahr 1330, in welchem der Perser Nachschabf schrieb, auf das Sanskritwerk Cukasaptati und 
dessen ältere Vorlage (Zeitschrift d. d. morgenl. Gesellsch. 21. 506) zurück (vgl. auch die Ge- 
schichte vom Papagei und der Mina Kathas. U 246). Die mit Basalu vielfach verbundenen Baja 
Bhoja, der nach einer Inschrift am Ende des 11. Jh. lebte, und Guru Goraknäth, der in den 
Anfang des 15. Jh. gehört, kommen für unsere Geschichte nicht in betracht. Der historische 
bezw. sagenhafte Basalu aber ist, wenn auch nicht in Wirklichkeit Sohn des Gründers der Qaka- 
ära (78 n. Gh.), als welcher er z. B. auch in den Annalen von Jessulmer genannt wird (Todd, 
Annais and Antiquilies of Bajasthan H 225), so doch wahrscheinlich ins 8. oder 9. Jh. n. Gh. zu 
setzen (Temple, Caicutta Beview 1884, 397). Dafür, dafs er nicht jünger ist, spricht auch sein 

Friedrichs- 6 jmn. 1891. ^ 



- 10 — 

Auftreten als Gegner Hodis, der gewöhnlich ins 3., von einigen jedoch ins 8. Jh. n. Ch. gesetzt 
wird; und dafs bei dem Kampf zwischen beiden eine Frau mitspielt, zeigt auch Prinsep, Settle- 
ment Report of the Sialkot District (Ind. Antiquary, Bombay 1884, 182). Hiernach hatte Rasalu 
seine Tochter — er hat auch Söhne; trotzdem scheint mir sein Auftreten als Jiit in unserer 
Erzählung ursprünglich, wie ich auch seine Auffassung als Sonnengott nicht so leichter Hand mit 
Temple und Clouston abweisen möchte — Hodi zur Ehe versprochen, und als er sie ihm vor- 
enthielt, entfloh sie, während er in Sialkot von Hodi belagert wurde, zu letzterem und versöhnte 
alsdann die beiden Gegner. 

Der Zeit nach könnte sich also die Sage sehr wohl schon im 10. Jh. an Rasalus Namen 
geknöpft und schon im 11. Jh. vielleicht ihren Weg nach Europa genommen haben. Sie scheint 
mir, da die in den Einzelheiten ähnlichste Darstellung I an der Grenze von Spanien und Frank- 
reich auftritt, die andere bei Boccaccio 4. 1 gegebene, schon wegen der Schilderung der Ortlich- 
keit hierher gehörige (den Mangobäumen entsprechende Dornbusche, pruni, an deren einem sich 
Guiscard mittels eines Strickes zu einer Grotte herabläfst, aus der eine Treppe zu der schwer zu 
öffnenden Thur eines im Erdgeschofs gelegenen Zimmers der Prinzessin hinaufführt — der ganze 
Apparat der indischen Erzählung!) in Sicilien spielt, vom Süden durch das Gebiet und die 
.Vermittelung der Araber nach dem Westen gelangt zu sein, und zwar schon in der Fassung, 
n welcher der Held den Namen Rasalu trägt. Denn der Gleichklang in den Namen Rasalu und 
Roselho, Roussillon ist doch zu eigentümlich, als dafs er nur dem Zufall seine Entstehung ver- 
danken sollte. Der Name Rasalu, welcher wohl als Ableitung von dem indischen „ras'' Saft eigenty 
lieh saftvoll, geschmackvoll bedeutet, und sowohl im Sanskrit als im heutigen Hindustani und 
Fall in engerer Bedeutung den Mangobaum, in den letzteren Sprachen auch das Zuckerrohr be- 
zeichnet, andererseits auch im Arabischen einen Sinn hat (rasor Sendbote Gottes, rasälat Prophet), 
woraus sich manches in den Erzählungen von Rasalu erklären läfst, wurde in Rosello wiederge- 
funden und gab Veranlassung, die Sage in das Roussillon zu verlegen. 

Die morgenländische Geschichte scheint sich frühzeitig in zwei Erzählungen gespaltet zu 
haben, eine, welche die Frau sich herabstürzen, und eine andere, die sie durch Gram und Hunger 
bezw. durch Gift (Boccaccio 4. 1 und Roman du Ch. de Couci 75110*.?) endigen läfst. Denn es 
fehlt nicht an Anzeichen, dafs auch die Spielart H vom Süden aus nach Nordfrankreich gelangt ist. 

Betrachten wir zunächst die erste Fassung, so ist eine Entscheidung über das Verhältnis 
von II zu I 2 schwer zu treffen. Es handelt sich darum, ob Boccaccios Erzählung auf die 
provenzaliscbe Lebensbeschreibung oder auf eine andere Quelle, die Älteres erhalten hat, 
zurückgeht. 

Für letztere Ansicht entscheidet sich G. Paris (Hist. litt. 28. 379), der eine ältere pro- 
venzaliscbe Erzählung, deren Held ein Ritter Guilem Guardastaing war, annimmt, während 
F. Fath (Lieder d. Gast. v. Coucy, Heidelberg 1883), ohne auf Näheres einzugehen, im allgemeinen 
Übertragung vom Provenzalischen auf das Italicnische annimmt. Dafs nun Boccaccio eine andere 
Quelle als die Viten und zwar eine dem indischen näher stehende gehabt habe, könnte zunächst 
aus folgenden Zügen geschlossen werden: Der Liebhaber Guardastagno ist kein Sänger, sondern 
ein Ritter, und zwar ein solcher, der dem Gatten der Geliebten an Rang gleichsteht. Boccaccio 
legt letzterem die fast in allen indischen Fassungen, aber nicht in der Lebensbeschreibung sich 
lindenden Worte in den Mund: „N6 rai maraviglio, se morto v'6 piaciuto ciö che vivo piü che 



— 11 — 

a ltra c osa yi piacque*.'. Bei Boccaccio fehlt in Übereinstimmung mit dem Indischen die in aHen 
Handschriften der Lebensbeschreibung auftretende Bedrohung der Frau mit dem Degen. 

Dennoch möchte ich als Quelle Boccaccios nur die Lebensbeschreibung Guiiems von 
Cabestanh oder eine aus ihr abgeleitete Darstellung ansehen. Bei der Annahme, dafs die indische 
Geschichte zuerst von einem Herrn Guilem von Boussillon und einem Guilem Guardastaing er- 
zählt worden wäre, bliebe die höchst merkwürdige Thatsache, dafs bei der durch die Sachlage 
gegebenen, auch in Boccaccios dieci miglia festgehaltenen geringen Entfernung der Wohnsitze von 
einander nicht nur der halbe Familienname, sondern auch der Vorname zu dem späteren 
geschichtlich gegebenen Guillem Cabestanh stimmt, dafs ferner in der Nähe von Gaste! - Rosello 
in der Grafschaft Roussillon, wo doch zunächst und am naturlichsten der Herr von Boussillon zu 
suchen ist, gar zwei Orte Capestang und Cabestany liegen, während weder ein Orts- oder Per,- 
sonenname Guardastaing noch ein Guilem Rossillon irgend nachzuweisen ist; ebenso wenig wie 
etwa ein Graf Isnart und Beltram von Roussillon (Bocc. III 9). Auch das Kastell Liet der 
Lebensbeschreibung P wird vergeblich gesucht werden. Die Handschrift hat liei i= lieis mit Be- 
ziehung auf Agnes; vgl. Chabaneau in der Histoire du Languedoc X. 

, Sobald die indische Erzählung an den Namen Roussillon geknüpft war, mufste auch in 
der Nähe eines Ortes Roussillon der Wohnsitz des Gegners angenommen werden, und wenn er 
selbst ein Kastell besafs, so liegt nichts näher als ihn danach benannt zu sehen; das stimmt 
aber {nur für Castel-Rosello und Cabestany hezw. Capestanh. Es scheint mir daher am 
richtigsten anzunehmen, dafs die indische Erzählung in der Fassung I von Rasalu erzählt und 
dann etwa durch einen Jongleur wegen der Ähnlichkeit des Namens, da Capestang in der Nähe 
lag und der Troubadour seine Gedichte an einen Raimon sendet, i auf Guillem de Cabestanh und 
Raimon de Rosillo übertragen wurde. Naturlich stimmte, da der Fall in Wirklichkeit nicht 
vorgekommen war, nicht alles. Der Raimon, welcher der Zeit nach zu passen schien, hatte eine 
Frau Seremonda, auf welche nun die Geschichte bezogen werden mufste (nur zwei Handschriften 
der Lebensbeschreibung nennen den Namen überhaupt nicht); aber unglücklicherweise ist von 
Seremonda, welche, wie der noch erhaltene Ehekontrakt zeigt, 1197 als Witwe Raimond geheiratet 
hatte, nachgewiesen, dafs sie sich 1210 zum dritten Mal vermählte und noch 1221 lebte (Mus^e des 
archives d^partementales 92). Die Handschrift P nennt daher die Frau Margarida; das ist natür- 
lich auch nur Vermutung, aber worauf fufsend? Ganz Abenteuerliches erdichtet Nostradamus, 
und auch in der vielgequälten unechten 5. Strophe von Guillems Mout m'alegra kann nicht der 
rechte Name der Frau, weder Margarida noch Sermonda noch Alas (eher noch Alasais, grauer 
Flügel) stecken; ich halte sie, um die Zahl der Lösungsversuche noch zu vermehren, für einen 
Spottvers auf irgend eine Colombine, freilich noch nicht mit Bezug auf die Commedia dell'arte, 
wohl aber auf die Bedeutung des Wortes als Appellativum. Ebenso wenig wurde CasteURosello, 
das 1222 einer Raymonde gehörte (Gazanyola, Histoire du Roussillon 159) und noch im Jahre 
1343 von den Aragonesen eingenommen und befestigt wurde (ebds. im Widerspruch mit 461), 
zerstört. Auch die historische Beziehung auf Alphonse, König von Aragonien, ist falsch; 
Alphonse H. war 11 96. gestorben und ihm folgte Peter IL, Jakob L und dann 1276 Jakob L von 
Majorca, vor welchem Jahr übrigens die Lebensbeschreibungen H und P (Emil Besehnidt, Die 
Biographie des Trobadors G. d. C, Marbuig 1879) geschrieben sein müssen, in denen es heilst^ 
dafs Perpignan und Castel-Rosello dem König von Aragonien gehören. Desgleichen würde da« Jahr 

2* 



— 12 — 

1210 wenig dazu passeo, dafs der Dichter 1212 unter König Peter II. in der Schlacht bei 
Tolosa gegen die Mauren gekämpft halte (Deuter, Cronica general de Espana, 1551, 11 106), wenn 
diese Annahme nicht überhaupt abzuweisen wäre, da der Troubadour in den Handschriften der 
Gedichte und Lebensbeschreibungen immer Cabestaing, und auch der Guillem der Urkunde von 
1162, Histoire du Languedoc II preuv. 585, Cabestan genannt wird (vgl. de Capite Stagno, Ca- 
bestagno ebds. 525 und III preuv. 118(T.), während in der spanischen Chronik der Name Cabestany 
lautet (vgl. Gaucerandus de Capite Stagni 1172, III preuv. 123); auch Boccaccios „dieci miglia'' 
passen auf die Entfernung von Castel-Roselio und Capestang (H^rault 15 kil. de Beziers), nicht 
auf die zwischen ersterem Orte und Cabestany (Pyr. Orient. 5 kil. de Perpignan). 

Wie lösen sich aber bei der Annahme, dafs Boccaccio eine Lebensbeschreibung benutzte, 
die Schwierigkeiten? Was zunächst die oben erwähnten Fälle betrifft, in denen seine Dar- 
stellung der indischen näher zu stehen scheint, als die der Viten, so mufs darauf hingewiesen 
werden, dafs die Worte „n^ mi maraviglio u. s. w.'' dem Verfasser des Dekameron aus den Cento novelle 
(s. ob. II 4), die er zu Giorn. III 1 benutzt hatte, bekannt waren. Die störende Bedrohung mit 
dem Degen aber, durch welche der Sturz zu einem unfreiwilligen gemacht wird, scheint in 
Boccaccios Quelle gestanden zu haben, da bei ihm die Frau sich rücklings, indietro, aus dem 
Fenster fallen läfst (si lascio cadere, vgl. den Ausdruck se laisset cazer ios), was einen rechten 
Sinn nur hat, wenn sie vor dem Manne zurückweicht; freilich ist in den uns erhaltenen Lebens- 
beschreibungen von einem Sturz nach rückwärts nicht die Hede, aber gerade in der Fassung R, 
welche das Fenster kennt, steht auch „si gitejt'', nicht „se laisset cazer''. Schwieriger möchte die 
Verschiedenheit der Namen zu erklären sein. Dafs Boccaccio die Geschichte von Cabestaing 
ebenso gut kannte wie Petrarca (Trionfo d'amore, wo übrigens nur der Vorname genannt 
wird), ist bei seiner BeJesenheit wohl zu glauben. Trotzdem er in der Einleitung zur vierten 
Giornata sagt: „Quegli, che queste cose cosi non essere State dicono, avrei molto caro, che essi 
recassero gli originali, li quali se a quel, che io scrivo, discordanti fossero, giusta direi la loro 
riprensione e d'ammendar me stesso m' ingegnerei ," verändert er doch vielfach die Namen und 
nach künstlerischen und psychologischen Rücksichten natürlich auch die einzelnen Züge seiner 
Quellen. Mir scheint es daher am leichtesten anzunehmen, dafs er, weil er um der einfacheren 
Wirkung willen das Sängertum des Helden bei seite lassen wollte, auch den bekannten Namen 
bei der Übertragung ins Italienische in leichter Weise veränderte, Cabestaing statt als Teichhaupt 
als Teichhauptmann fafste und mit Guardastagno statt Capostagno wiedergab; was den Vornamen 
Guiglielmo des Berrn Hossiglione anbetrifft, so möchte ich darauf hinweisen, dafs Boccaccio, der 
zur Verschärfung des Gegensatzes es darauf anlegt, die Gleichheit zwischen ihm und Guardastagno 
recht hervorzuheben, wozu auch die gleiche assisa dienen soll, vielleicht aus diesem Grunde 
beiden auch die gleichen Vornamen beigelegt hat. Es wird nun Boccaccio eine Lebensbeschreibung 
vorgelegen haben, die wie R den Namen der Frau nicht nannte, ihre Vorliebe für Wildbret (daher 
cinghiale) hervorhob und den Sturz aus einem Fenster geschehen Hefs, dabei aber wie IK das 
Abschneiden des Kopfes nicht kannte. 

Bei Boccaccio sowohl als in der Lebensbeschreibung findet sich aber noch ein Zug, der 
in den uns vorliegenden indischen Fassungen nicht erscheint. Während in diesen ein regelrechter 
Zweikampf stattfindet, wird der Troubadour bezw. Guardastagno von dem Herrn von Rossillon 
und einem oder zwei Begleitern aus einem Hinterhalte meuchlings überfallen. Vielleicht, hat hier 



— 13 - 

die Ermordung Guillems von Berguedan, eines Verwandten des gleichnamigen Troubadours, durch 
die ihm auflauernden eifersuchtigen Pons von Hataplana und Raimon von Besaudun Einflufs ge- 
übt, eine That, die so grofses Aufsehen erregte, dafs noch im 15. Jh. der Ort derselben „camp 
del Guillemorf' hiefs. 

Wir kommen zu der zweiten Gattung von Erzählungen, nach der zwar der Gegner vom 
Manne selbst getötet wird, die Frau aber nicht durch Sturz endet. Der am frühesten, im Tristan 
des anglonorroännischen Trouvere Thomas um 1170, erwähnte Lai Guirun scheint mir auch die 
älteste Fassung zu enthalten. In seinem vielfach morgenländische Züge (Pferdeohren König Markes, 
Mehlstreuen, Kampf mit dem Drachen und dem Truchsefs, Belauschung vom Baume, Berührung 
des Pseudonarren vor dem Gottesurteil, Zauberkissen, Austausch in der Brautnacht, schwarzes 
und weifses Segel?) verwertenden Gedicht heifst es von Isolde, dafs sie in der Abwesenheit 
Tristans einen Liebesklageleich verfafst (feit — gerdi) von dem Junker Guirun, der vom Grafen über- 
rascht und getötet, und dessen Herz der Frau mit List zu essen gegeben wird, und von dem 
grofsen Schmerz, den diese darüber empfindet vDer Name Guirun (Gurun, Gorhon, Goron) 
kommt noch in dem in die 2. Hälfte des 12. Jh. fallenden Lai del Fraisne, wo die Hs. S aus dem 
Ende des 13. Jh. Bruron hat (Warnke), und (vgl. W. Hertz a. a. 0. 562) in einem anderen nur 
im Norwegischen bei Keyser og Unger, Strengleikar, Christiania 1850, S. 57 erhaltenen auf Befehl 
König Haakons (wahrscheinlich Hakon Hakonssön, 1217 — 1263) übersetzten Lai Gurun (Guruns 
liod) aus Soissons vor. Letzterer ist ein ziemlich ödes Machwerk, in dem gezeigt wird, wie 
Gurun, Königssohn aus Brettland, mit Hilfe seines Harfners und eines Zwerges nach einem 
Kampfe mit dem Herrn von Msersef (Murray) die Braut, die Schwestertochter der Königin von 
Schottland, seiner Mutterbrudersfrau gewinnt und mit ihr nach Cornbretaland (Cornwales; er ist 
vom Könige von Schottland zum Jarl von Wales gemacht) zieht. Am Anfang stehen die Worte: 
„Die, welche in der Stadt wohnen, welche Svsvezun (oder Svspezun) heifst, kennen diesen Saiten- 
spielleich, welcher Gurun heilst, woher er gemacht ward und in welcher Art'^ Zum Schlüsse 
heifst es, nachdem gesagt ist, dafs der berühmte Leich mit der schönsten Melodie, Gurun ge- 
nannt, von dem Harfner über den Anfang und Fortgang von Guruns Liebe gemacht wurde: 
„Manche sagen diese Sage in anderer Weise, aber ich las es nicht anders, und nun habe ich es 
euch gesagt''. Ich möchte diese armseUge Geschichte auf den Guiron oder Giron le Courtois, der 
ein Ritter der Tafelrunde und Held eines langen und nach dem italienischen Girone il Cortese zu 
schliefsen langweiligen Honians von Elie (de Boron) war, beziehen, wenn auch in dem Roman 
nichts so Kraftloses vorkommt. Den Gurun (so lautet der Name auch in dem norwegischen 
Eskiu Uod) des Lai del Fraisne möchte ich entsprechend den „Esche und Nufsbaum'' als „Weide*' fv 
verstehen, vgl. Ducange: gurra, gorra, viminis species; goretus ager viminibus consitus; ital. 
gorra, specie di vinco; jedenfalls hat er mit dem Guirun bei Thomas nichts zu thun. Dieser 
Name, welcher auch Goron, Gorhon lautet, ist wohl kaum als armer Schlucker (spanisch gorron, 
portug. goro, afz. goron desseche; daher gurrinare, gourrer), wohl aber als homo mulierosus auf- 
zufassen (spanisch gorron), das nicht mit goron porcus oder kelt. gor gour, mas, sondern mit 
afz. gorre, gourre, pompe, luxe debauche, göre = pare, gorier elegant, joli, coquet (vgl. kelt 
gourre sommet, sommette d'un heaume, gourren levare exaltare, gorra span. Mütze) zusammenzu- 
stellen ist. Die wenigen Verse nun, welche bei Thomas erhalten sind — in der norwegischen 
Tristrams Saga ok Isondar, Kölbing 86, 27 sind sie ausgelassen — zeigen ganz deutlich eine enge 



— 14 — 

Beziehung des von Isolde gesungenen Lais zu dem Gedichte von Ignaure. Aus dem Ausdruck 
„supris" in dem Verse 

Cument dans Guirun fu supris 
ergiebt sich, dafs im Lai Guirun ebenso wie im Lai d^lgnaure und zwei indischen Fassungen der 
Rilter bei einer Zusammenkunft mit der Frau überrascht wird, vgl. Lai dignaure 565, 32 : 

si con Ignaures fu sospris 
und 564,38: 

sospris fu une matinee. 
Der Umstand, dafs Guirun „dans'S der Ehemann „cuns'* ist, entspricht auch dem Verhältnis im Lai 
dlgnaure zwischen den „Chevalier preu et sage riebe de terre et de rente'^ sowie den „grans dames'* 
einer- und dem „Chevalier Ignaure'' andererseits, der „ne fu mie de grant hauteche und n'avoit c'un 
poi de rente"; vgl. auch die contessa in 114 und Cento novelle, Biagi 219. Ferner stimmt der 
Ausdruck „par engin ä manger'' zu dem Verse 566,15: 

par engien lor faisons mangier 
und „puis . . . un jor", das auf Verlauf einer gewissen Zeit zwischen Überraschung und Tötung 
schliefsen läfst, zu Vers 566, 9: 

au quart jor prendent le vassal. 
Dafs nur 

la dolur que la dame out, 

quant la mort de son amj sout 
und nicht der Tod der Frau erwähnt wird, läfst sich wohl damit vergleichen, dafs im Lai d'Ignaure 
auf die Klagen der Frauen besonderes Gewicht gelegt wird, während der Tod, der ja auch in 
zwei indischen Liedern und zwar gerade in denen, in welchen Hodi im Zimmer überrascht wird, 
fehlt, nur ganz flüchtig in einem Verse berührt wird. 

Der Lai Guirun wird also wahrscheinlich dem Lai d'Ignaure zum Vorbild gedient haben 
und, wenn er den Tod der Frau erwähnte, sie ähnlich, wie es im letzteren der Fall ist, durch 
Hunger oder, wie es bei Boccaccio IV 1 geschieht, durch Gift haben umkommen lassen. Denn 
mit dieser Novelle hat er auch Ähnlichkeit durch die Überraschung des Thäters, die Versamm- 
lung im Garten sowie das Eindringen durch einen unterirdischen Gang in die „cambre perine", die 
aus Lai d'Ignaure 564, 43 zu erschliefsen sind, und das Gefangenhalten des Liebhabers, ehe er ge- 
tötet wird. Es ist daher nicht unwahrscheinlich, dafs auch der Lai Guirun aus dem Süden nach 
Nordfrankreich gelangt ist. 

Diese Annahme findet eine Stütze in der mutmafslichen Entstehungsgeschichte des Lai 
d'Ignaure. In den provenzalischen Liederhandschriften erscheint ein Troubadour Linaure, Lin- 
haure, Lignaure, Hygnaure, Ignaure, Mahn, Ged. d. Tr., No. 336, 841, [842, 843, 1365], 216, 
(880, 1353), 126. Er tritt nur in einer Tenzone mit Guiraut de Borneil und in Erwähnungen 
des letzteren auf. Besonders wichtig ist die Klage über seinen Tod, 126. All seine Freunde, 
sagt Guiraut, stürben vor der Zeit, so „mos jois" und nun auch der ihn noch tröstete, sein 
Linaure. Er nennt ihn 

ben enseignatz, 

necis als fatz 

6 dujtz e savis als membratz. 



— 15 — 

Er war ein besserer Ritter als Olivier. Mit ihm starb ,,bella foudatz e jois de datz e dos e 
dompneis'* und der Preis ,.von hier bis über Velay (v. 1. Balai) hinaus^'. Aus seinen Liedern, seiner 
Gute, seinem Adel sollte ein grofses Schwert werden, an dem die Unwerten sich nie erfreuen 
werden, da der gute Meister Balangiers (adj. aus Velay? oder Balaun? v. 1. Berengiers) als An- 
kläger derselben erscheinen wird. Man sagt, dafs die Provence durch seinen Tod der ritterlichen 
Thaten beraubt und dafs dort niemand so thatkräftig ist wie er. Das Lied schliefst: 

Beiz seigner francs si fos aciers, 
lo coms sim degra far cartiers. 
Auf die Dunkelheit in den Liedern Linaures geht die Tenzone 336, aus deren Schlufsworten 
vielleicht zu entnehme^ ist, dafs Linaure sich in St. Marsal aufhielt. Um nicht für einen Spötter 
gehalten zu werden, beruft sich Guiraut 841 auf die Manier Linaures, der doch auch hohe Worte 
braucht und es ernst meint; allerdings haben hier die drei anderen Versionen „nuill autre*S das 
aber keinen Sinn giebt. An einer anderen Stelle, 216, läfst sich Guiraut den Einwand machen: 
„Narr, wenige werden Dir glauben, dafs Du von einem sufsen Liebesgedanken das ganze Jahr 
zehren könntest^*, und antwortet — eine Art envoi — mit Hinweis auf „Lignaurc lai part Lers", 
der ihm doch glauben wurde. Denn wer sich nicht fröhlich und hochsinnig (?) erheitert, ist ein 
rechter Narr. Wir sehen hieraus, dafs Linaure der Provence angehörte, deren Graf doch wohl 
mit dem coms 126 gemeint ist. Dazu wurde „tro part Velay'^ stimmen, wenn wir annehmen, dafs 
das Klagelied in der Grafschaft Provence selbst gedichtet ist. Lers dagegen, womit nur der Flufs 
L'Hers im Departement Ariege gemeint sein kann, weist uns auf ein engeres Gebiet westlich der 
Provence etwa zwischen Foix, Carcassonne und Limoux hin. 

Mir scheint nun, als ob die Anknüpfung der Geschichte an diesen Linaure, der seinem CharakT^ 
nach — man vgl. z.B. den Eingang des französischen Gedichtes — gut zu dem Helden eines Lai d'Ignaure 
pafst, durch die letzten Zeilen des Klageliedes veranlafst wurde. Far cartiers kann aufser „Felder 
eines Wappenschildes machen'* auch noch bedeuten „vierteilen**. Nun heifst es aber in der 
Wiedergabe der Bflählung von Linaure (Linaura) bei Arnaud de Marsan, dafs er in vier Teile 
geteilt und diese den vier Ehemännern gegeben wurden (über Exsection und Vierteilen siehe auch 
Ducange unter adulter). Das Herzessen wird hier nicht besonders erwähnt, auch nicht der Zweck, 
zu dem er unter die Vier verteilt wird. Der hinterlistige Gatte läfst L. bei der Versammlung 
(al plag) durch Verrat (per granda trassion) töten. „Aber schlecht war es, dafs Massot (masser = 
frapper) dies hörte (so auzis, so Raynouard und Bartsch nach der Hs.; Beschnidt: so aucis, 
Birch-Hirschfeld: lo aucis); und deshalb wurde er, glaube ich, zerteilt und . . .**. Die natürlichste 
Beziehung des „so** auf das unmittelbar Vorhergehende, die Tötung, will keinen Sinn geben, man 
möfste denn in Massot einen der drei anderen Ehemänner und den Urheber der Teilung sehen. 
Es wird daher wohl das Verhalten Linaures damit gemeint sein; dann scheint mir aber Massot 
nicht der Name des Spions zu sein; es wäre merkwürdig, wenn gerade er allein neben Linaure 
namhaft gemacht würde, und das blofse Hören würde ihn auch schlecht kennzeichnen. Viel 
besser wäre hier der Name des ersten der Ehemänner am Platze, den ich auch in Massot sehen 
möchte (wenn nicht überhaupt vielleicht mas sot zu trennen ist = anc mais sot: schlimm war 
es, dafs jemals ein Dummer, ein cocu es hörle; sot würde bei dem französierenden Arnaud wohl 
nichts Auffallendes haben). Wenn übrigens bei Barisch 135, 14 den „catre molheralz** selbst die 
Bezeichnung „glotos** gegeben wird, so klingt das, als ob sie am Mahle beteiligt gewesen wären. 



— 16 — 

Der Zeit nach wurde ein Anknöpfen der Erzählung an das Klagelied Guirauts wohl mit der 
Erwähnung bei Arnaud zu vereinen sein. 

Eigentümlich ist jedenfalls das Zusammentreffen in der sonst nicht nachzuweisenden 
Namensform, die auf Leonor, AsoavviaQioq (Strabo) zuröckweisl, wobei allerdings auch ein Ver- 
steckname Ignore, mit Artikel Llgnore. Ichweifsnicht, mitspielt, den der Troubadour (vergl. die 
oben angeführte Stelle ,,necis als fatz*') wegen seines dunkeln Ausdrucks führte. Au statt o würde 
ein Zeichen dafür sein, dafs der Name des Lais aus dem Provenzalischen entnommen wurde. 
Eine erkünstelte Deutung des Namens aus ignis und aurum könnte auch in den Versen des lai 
d'lgnaure 557, 44 

On le doit nommer quant il tonne, 
ja puis re carra cos en Testre 
gefunden werden. Der Verfasser der bei Arnaud de Marsan wiedergegebenen Geschichte schlofs 
nun mit Benutzung der zweiten Fassung der indischen Erzählung aus dem „far cartiers** spöttisch 
auf vier Betrogene, die — so mufs doch wohl ergänzt werden — jeder von seinem Teil der 
Frau zu essen gaben. Dafs dieser Gedanke Anklang fand, zeigt die Wiederholung mit Hinein- 
spielen des Motivs der indischen Tierfabel bei Sordel, Peire Bremon (4 cartiers und das Haupt 
verteilt) und ßertran d'AIamanon (Verteilung des Herzens als Reliquie an die Geliebten, unter 
denen auch die GräGn von Provence) vgl. auch Guilem Figueira. 

Aus den vier wurden zwölf Männer, eine Parodie der zwölf pairs de France, wie sich das 
nicht allein aus dem Ausdruck „per'' im Lai dTgnaure und aus dem Roman von Loher (das fran- 
zösische Urbild um 1315 verfafst, vgl. G. Paris, Bist. litt, de la France 26, 125, übersetzt 1405: 
Eine schöne warhaftige Hystory von Kaiser Karolus sun genant Loher oder Lotarius wie .... und 
im ufsgeschnitlen ward. Strafsburg, L G., 1514), sondern auch aus dem in der Fassung der Cento 
novelle auftretenden Namen Baligante ergiebt, einem Namen, den der Widersacher Karls des Grofsen 
und seiner Pairs im Rolandsliede trägt und der zugleich vielleicht auch auf fremden, durch die Mauren 
vermittelten Ursprung der Sage weist. Über die Abfassungszeit des Lai dlgnaure läfst sich nichts 
Genaueres sagen, als dafs er nach dem Tode des Troubadours entstanden sein mufs, der, nach 
Guiraut de Borneils Lebenszeit zu schliefsen, etwa 1190 fallen wird. Welcher Renaut der Verfasser 
des Lai d'Ignaure oder del prison ist, ob er mit dem Verfasser der ersten 6000 Verse des Chevalier au 
Cygne (ed. Hippeau VH), des Kreuzzugliedes von 1189 (G. Paris, Lit. fran^. 124) oder mit dem 
Verfasser des Galerent de Bretagne zusammenfällt, kann ich hiebt entscheiden. Renaut de Beaujeu 
ist es jedenfalls nicht. Woher De la Rue (Essais histor. sur les Bardes HI, Caen 1834, 213) 
weifs, dafs er aus dem Bessin stammt, sagt er nicht. Am ehesten könnte man dem Inhalt und 
der Form nach den Lai de l'ombre unserem Renaud zuschreiben, wenn dort nicht der Name 
Jehan Renard lautete (Hist. litt, de la France 18, 774). Übrigens läfst der Vers 

Ensi con tiesmoigne Renaus, 
der nebenbei gesagt, nicht mit dem Vorhergehenden, sondern mit dem Folgenden zu verbinden 
ist, zweifelhaft, ob mit Renaud der Verfasser des vorliegenden Lais oder nur die Quelle gemeint 
ist, aus der er geflossen; letzteres erscheint wegen der sieben Verse darauf gebrauchten ersten 
Person wahrscheinlicher. Dafs die Folgerung, wegen der Verse 

Francbois, Poitevin et Breton 
Tapielent le lay del prison 



— 17 — 

müsse der Lai d'Ignaure vor 1205 verfalst sein, nicht stichhaltig sei, erkannte schon Raynouard, 
Journ. des Savants, Janv. 1833. — Hier erlaube ich mir noch vorzuschlagen, 566, 20 die Lesart ki 
beizubehalten: les XII dames qui menoient, die Herren der 12 Damen; ebenso die handschrift- 
liche Versordnung 566, 19: 

chascune ot le euer assasse: 

douche saveur ot bonne et biele, 

tant qu'eles en ont mise arriere. 

Eine jede bekam das Herz geschmort (nicht mit Bartsch = reich, oder wenigstens mit Doppel- 
sinn ; es kommt von assasser, das wie fricasser, revasser von einem aus lat assus entnommenen 
asser gebildet ist): süfsen Geruch hatte es, guten und schönen, so viel sie vordem davon hinein- 
gelegt hatten, vgl. 560, 22 en vous avoie mon euer mis. — 567, 18 lies: et la quarte les iex 
les fran(c)s. — 567, 22: lasse, qtie vous avons mangie (nach dem Sinn und der Reimstellung 
mangie: vengie, mangerons: vengerons). — 567,28: sor tous hommes est couvignables, de ciens 
d'osiaus et de lit ables. 

Es mufs aber noch, sei es in französischer, sei es nur in deutscher Sprache, eine andere 
Fassung des Lais gegeben haben, in der die Geschichte von Graelent oder Gräland erzählt wurde. 
Dafür sprechen die Variante le lai de Graelent (Gramon) für le lai Goron im Anseis de Cartage 
(vgl. P. Paris, Les Romans de la Table ronde, I 1t und F. Wolf, Ober die Lais, Sequenzen und 
Laiche, 236) und die Erwähnungen bei dem von Gliers (v. d. Hagen, MS., 1 108): 

w^ senelichiu not, 
wie du mich vröuden hast hebert! 
Grälant, den man gar versöt, 
wart nie groBzer not beschert, 
dan mir, ich waene, an mtnen tot. 

bei Heinrich von dem Türlin, Der Abenteuer Krone: 

Und da man Gralanden söt. 
in dem Weinschwelg (Schröer), V. 333: 

Vrö Dldö lac von minnen tot, 
Grälanden sluoc man unde söt 
und gab in den vrowen ze ezzen, 
want si stn niht wolden vergezzen. 

Diese von einander unabhängigen Stellen, die auf eine ziemliche Verbreitung der Geschichte in 
Deutschland schliefsen lassen, können kaum alle, wie man vielfach, zuletzt R. Köhler in den 
äulserst wertvollen vergleichenden Anmerkungen zu Warnke, Die Lais der Marie de France, 
LXXXl, annimmt, auf fehlerhafter Verwechselung von Gurun und Graland beruhen; am wenigsten 
möchte die Stelle bei Gotfrid von Strafsburg (v.3524) dazu Veranlassung gegeben haben. Denn, wenn 
Gotfrid von Anfang an dem Gedichte des Trouvöre Thomas folgte, wie mir nach Kölbings Dar- 
legung richtig scheint (a. a. 0. CXLHI), so braucht man nicht mehr 'mit Heinzel (HZ. 14, 423) 
anzunehmen, dafs er die Erwähnung Guruns aus der späteren Stelle des Thomas (ms. Sneyd A, 

Friedrichs-GjmD. 1891. 3 



- 18 — 

Michel III, 39) entnahm, und also unser Lai Guirun gemeint sein müsse, sondern man wird 
zwischen den verschiedenen Geschichten von Gurnn zu wählen haben. Das Guruns liod bei 
Keyser og Unger Strengleikar kann nicht in betracht kommen, wohl aber der Lai del Fraisne, der 
seinem Stoff nach zur „kurzewfle nach der ezzenztf' viel besser als unser Gedicht pafst. Es scheint 
mir wahrscheinlich, dafs er gemeint ist; denn was sollte bei Bezug auf unsere Geschichte gerade 
die Erwähnung der „friundin'S da die Dame doch viel weniger in den Vordergrund tritt, als die 
Art seines Todes? Letztere wurde, wie in den drei Stellen von Graland, hervorgehoben worden 
sein. Der Einwand von W. Hertz, a. a. 0. S. 562, wenn die Verse sich auf den Lai del Fraisne 
bezögen, würde Gotfrid „die friundin mfnes hern Gurun^' gesagt haben, wie es Vers 3584 heilst: 

von der vil stolzen friundin 
Gralandes des schoenen 

erledigt sich jetzt aus dem altnordischen Tristan, wo (23, 32) die Stelle freilich mit Entstellung (?) 
des Namens Gurun in Geirnir lautet: „f)etta hljöd gerdu Brelar i Bretlandi um unnustu hins goda 
Geirnis''. Ähnlich wird sie auch im Französischen gelautet haben. 

Wenn nun aber der Gesang von Gurun unsere Geschichte nicht enthielt, so darf man 
dieselbe auch nicht gleich in den soeben angeführten Versen von Graland suchen, wie es Bechstein 
S. 362 seiner Ausgabe von Tristan und Isolde thut, namentlich nicht, wenn Gurun, über den 
nähere Angaben nicht geboten werden, auf den Helden unserer Sage bezogen wird, da alsdann 
derselbe Stoff zweimal hintereinander vorgetragen würde (vergl. Hertz a. a. 0.). Wie die 
Stelle bei Thomas lautete, wissen wir leider nicht, da sie in der altnordischen Sage fehlt. Aber 
auch bei unserer Annahme kann mit der als Hauptperson vorangestellten „stolzen friundin'' nicht 
die Dame, welche das Herz afs, gemeint sein; Hauptperson ist der Geliebte, und Hauptsache sein 
Tod. Dagegen pafst die Erwähnung vorzüglich zu dem von Roquefort, Poesies de Marie de 
France I 486 herausgegebenen Lai Graelent, bret. Graalent Moro der Muir (immer dreisilbig aufser 
661, wo ich i zu streichen vorschlage. Gwra elyn, Thugut? oder vom afr. grael, graduale, worauf 
vielleicht Vers 36 anspielt: n'a si boin abe dusque a Troie? Villemarque sieht in ihm den armo- 
rikanischen Häuptling des 5. Jh. Gradion, vgl. R. Köhler a. a. 0.), dessen Heldin die für andere 
unsichtbar ein Jahr mit dem Ritter lebende Quellfee ist, die, als er gegen ihr Verbot von ihr 
gesprochen und ihre Schönheit über die der Königin gestellt hat, sich an dem Königshofe zeigt 
und durch ihre Erscheinung die der Königin in Schatten stellt, um alsdann den Geliebten, der 
ihr folgend sich in den Flufs stürzt, in ihr Zauberland hinwegzuführen — eine Geschichte, deren 
doch wohl bretonische Quelle in weniger ursprünglicher Fassung auch in dem Lai de Lanval 
(Uferwall oder Kirch wall?) der Marie de France erscheint. Ob nun der Graland der oben ange- 
führten Stellen ein ganz anderer ist als der Held dieses Lai, oder ob beide Geschichten miteinander 
verbunden wurden, läfst sich nicht sagen. Man könnte für letzteres anführen, dafs auch in dem 
„hübschen lied von dem Bremberger und einer Hertzogin von Österreich" (V) der Wettstreit 
zweier Frauen um den Preis der Schönheit das Hauptmotiv bildet, und vielleicht daran erianem, 
dafs der Lai Graelent das Finden der Geliebten bei Verfolgung eines Hirsches und das Verschwinden 
jenseits des Flusses (oder im Flusse) mit der indischen Erzählung gemeinsam b»t Jedoch scheint 
sich das in den drei oben angeführten Stellen gemeinte Gedicht mehr dem Lai d'Ignaure genähert 
au haben, wie man aus der Mehrzahl „den frouwen" und aus den Verse 



— 19 — 

want si sin niht wolden vergezzen 
sieht) welcher geoau dem Verse 567, 36 bei Bartsch entspricht: 

lor dru ne vont pas oubliant. 

Auch der erste Teil des Lai d'Ignaure, in welchem ausgeführt wird, wie die Damen im 
„vregier me dame Climenche^S doch wohl einem Klostergarteü mit Anspielung auf die dem Frevler 
bewiesene Milde, bei einer zum Scherz der Vornehmsten abgelegten Beichte herausfinden, dafs 
Ignaure ihnen allen Treue geschworen, und ihn dann mit ihren Messern töten wollen, weist nach 
dem Süden. Im Novellino finden wir die Geschichte in etwas anderer Gestalt vom Troubadour 
Guillem de Berguedan erzählt, mit dem bei Biagi S. 219 noch ein ßeltramo zusammengeworfen wird, 
der entweder ein Zeugnis für die durch das Herzlied verursachte Anknüpfung des Schwankes an 
die Person des Bertran d'Alamanon bietet oder nur durch einen Lesefehler des Abschreibers aus 
Bergdamo entstanden ist. Die Damen, an ihrer Spitze die Gräfin der Provence, versammeln sich 
in einem nobile convento, um Guillem bezw. Bertram, der cara la comperra (vgl. Lai d'Ignaure 
558, 29: il le comperra) mit Nudelhölzern zu erschlagen; der Überraschte zieht sich in etwas 
derberer Weise als der schwärmerische Ignaure aus der Verlegenheit. Die Geschichte wurde 
später noch in verschiedenen Fassungen von vielen anderen erzählt, vgl. die Zusammenstellung 
bei Ad. Keller, Lieder Guillems v. B. 8. 

Die Erzählung scheint, da sie in der vorliegenden Fassung nicht auf Guillem von Berguedan 
pafst, welcher der Provence nicht angehörte (vgl. K. Bartsch, Jahrb. f. rom. u. engl. Litt. 1865, 234), 
erst später auf ihn übertragen, ursprünglich aber, wenn auch nicht auf Grund der Herzmäre er- 
dacht, so doch an diese angeschlossen und auf Ignaure und vielleicht auch Bertran d'Alamanon 
bezogen worden zu sein. Dafs die Geschichte noch weiter geführt wurde und einen für den 
Helden unglücklichen Ausgang nahm, möchte ich auch aus den Schlufsworten entnehmen: „et 
cosl scampo a quella volta''. Die Versammlung im convento wurde nun einerseits durch das 
Beichtmotiv im Lai d'lgnaure erweitert und führte andererseits zur Gründung des Klosters in den 
Cento noveUe, Biagi 29 (II 4) (Rimirimönte, Remiremont, neuf choeurs). 

Wenn das hier auftretende Antioccia Name der contessa ist und nicht einfach die Variante 
antica — die ehemalige Gräfin, die nachher Äbtissin wird — das Richtige giebt, so scheint es 
am natürlichsten, die Dame nach der syrischen Stadt (frz. oche gab ital. occia statt ochia; das 
Pertuis d'Antioche an der Westküste Frankreichs gehört wohl nicht hierher; vgl. antiok, le paysan, 
au paysan?) und zwar mit Vor-, nicht Zunamen, benannt zu denken; denn es gab aufser den 
Fürsten von Anliochia nur eine adlige Familie d'Antioche (Du Gange, Familles d'outre mer 511), 
und die Gräfin mufste eigentlich den Namen des Mannes führen. Die Bezeichnung würde wunder- 
bar sein, aber nicht wunderbarer als so viele andere in mittelalterlichen Gedichten; dann weist 
sie wie der Name Baligante, der dem Helden der Baligantepisode des Rolandsliedes entnommen 
ist, nach dem Osten (vgl. den häufig erscheinenden Namen Balian, Barisan, auch einen Balian 
d'Antioche bei Ducange a. a. 0.). Oder ist Antioche VergröOserungsbiklung von ante, amita wie 
guenoche, oder deutsches Antecha, Andicca? 

Der bei Borghini statt Baligante auftretende Name Domenco bildet gewissermafsen das 
Bindeglied zwischen II und IV*^ denn auch im niederländischen Roman heifst der Herr von Couehi 
Dominicus. Vielleicht ist gar nicht der in Spanien mid Italien gebräuchliche V(H*naroe Domingo, 

3* 



— 20 — 

Domenico gemeint, sondern Dominicus Domenico steht ursprünglich für einen Besitzer, der 
vom Landesberrn ein dominium empfangen hat, und wurde dann als geringer Unterthan, servus 
dominicus, gefafst aus einem Kastellan zum Portier. Vgl. auch Domingeois, im Bearn gleich 
damoiseau, donzel. 

Im Folgenden mufs ich mich leider auf Andeutungen beschränken. Die Chronik bei 
Fauchet, die sich im ganzen enjg an Sakeseps Roman anschliefst, enthält doch auch Abweichungen 
und Zusätze. Zunächst wird die Kreuzfahrt des Ritters anders begründet, sodann giebt die Frau 
demselben aufser den Haarlocken noch mehrere Ringe und Diamanten, während im Roman der Held 
nur die „tresses** erhält, die von der Dame mit einem Wortspiele „anel" genannt werden, welcher Aus- 
druck sowohl Ring als auch Haarlocke bedeutet, daher denn auch dem Dichter nicht mit G. Paris 
ein Vorwurf daraus zu machen sein wird, dafs der Diener keinen Ring überbringt, vgl. bracelet of hair, 
fV 7 und 8. Ferner trifft der Herr bei Fauchet „atout dcux ses privez** (doch wohl auf der Jagd) 
den das Herz bringenden Diener, und zum Schlüsse wird das Eingreifen des Königs erwähnt. 
Die beiden letzten Züge gehen auf die Lebensbeschreibung Guiilems zurück, wo bei der Er- 
mordung des Ritters, für welche die Beraubung des Dieners eingetreten ist, auch mehrere, mindestens 
zwei Begleiter zugegen sind, und am Schlüsse offenbar mit denselben Worten wie in der Chronik 
die Thätigkeit des Königs eingeführt wird. Die Erwähnung der letzteren mit ßeschnidt a. a. 0. S. 27 
umgekehrt aus der Chronik in die Lebensbeschreibung gelangen zu lassen, liegt nach Bekannt- 
werden der indischen Fassung kein Grund vor. Im Eingange der Chronikstelle heifst es nun: 
si comme Thistoire le raconte qui parle de leur vie dont il y a romans propre. Der Ausdruck 
läfst zweifelhaft, ob die Histoire und der Roman ein und dieselbe oder verschiedene Quellen sind. 
Nimmt man ersteres an, so würden sich zwar die beiden Zusätze unter Annahme einer uns nicht 
bekannten anderen Handschrift des Romans erklären lassen, aber als Ursache der abweichenden 
Begründung der Kreuzfahrt bliebe nur absichtliche Änderung oder Flüchtigkeit übrig, zu deren 
Annahme die sonstige Darstellung der Chronik keinen Anläfs bietet, während die Fassung der 
Sermones parati (UI) auch dafür spricht, dafs eine aus dem Verhalten des lU'tters zur Frau ent- 
wickelte Begründung der Kreuzfahrt ursprünglich fehlte, vgl. Fauchet H: Or advint, que quand 

les voyages d'outre mer se firent, ce chastelain de Couci y fut (pour ce qu'il eiercitoit 

volontiers les armes) und Sermones par.: Contigit autem ipsum mare transire. Der Prediger 
würde nicht verfehlt haben, die seinem „miles'^ nicht zur Ehre gereichende Motivierung des 
Romans wiederzugeben, wenn sie ihm bekannt gewesen wäre, während er die selbstverständliche 
Begründung des Chronisten, wenn er sie fand, sehr wohl weglassen konnte. 

Man wird also wohl annehmen müssen, dafs die Histoire von dem Roman verschieden, 
etwa, wie auch der Ausdruck „propre'' andeutet, ein Stück aus einem Geschichtswerk war, und dafs 
ihr Fauchets Chronist gleich im Anfange seiner Darstellung die Abweichung und, während er den 
Roman auszog oder nachher, die Zusätze entnahm. Eine von dem Roman unabhängige ältere 
Fassung liegt auch (vgl. G.Paris, Hist. litt, de la France 28,382) der Predigt zu gründe, und 
zwar eine noch ursprünglichere, da sie sich durch den Selbstmord der Frau (et interfecit se 
ipsam) noch enger an die provenzalischen Lebensbeschreibungen anschliefst. Auch Konrad von 
Würzburg geht nicht auf Sakesep zurück; dies ergiebt sich, abgesehen von dem Unterschiede, der 
durch die innige und fast keusche Auffassung und Darstellung des deutschen Dichters bedingt 
wird, aus dem Umstände, dafs die Kreuzfahrt des Ritters zwar auch aus der besonderen Sachlage 



— 21 — 

'heraus durch den Entschlufs des Manoes mit der Frau ins gelobte Land zu ziehen begrOndet, 
das Motiv aber in anderer Weise verwertet wird als im Roman, ferner daraus, ddfs bei Konrad 
der Ritter nicht infolge eines Pfeilschusses, sondern aus Liebesgram stirbt, sowie daraus, dafs 
der Diener das Kästchen mit dem Herzen nicht versteckt hält und auf Bedrohung dem Herrn 
feige ausliefert, sondern dafs es ihm von letzterem, der es sogleich an seinem Gürtel erblickt, ent- 
rissen wird, endlich aus den Versen 354fr. (v. d. Hagen): 

Do reit imc üf dem velde wit 

ir man engegen von geschiht 

un^ woUe, als uns das msere gibt, 

da Ithte hän gebeisel, 
denen im Roman, wo der Herr dem Diener auf dem zum Schlosse führenden Schleichwege be- 
gegnet, nichts entspricht. Konrads Darstellung schliefst sich dagegen eng an die Predigt an, mit 
der sie auch das Fehlen der Namen und des bei Fauchet ebenfalls nicht erwähnten Sängertums 
i teilt. Ich möchte daher annehmen, dafs die Predigt und die Histoire auf eine gemeinsame 
i'i kurze Erzählung zurückgehen. Dieselbe hat entweder noch keine Namen geboten, oder ist, was 
wahrscheinlicher, gleich aus der Übertragung der provenzalischen Geschichte auf den französischen 
Dichter (Dominicus, s. o.) Gui de Coucy entstanden, der 1203 auf dem Kreuzzuge im Schiffe 
starb, und dessen Herz daher vielleicht wirklich, da der Körper ins Meer geworfen und nicht, wie 
es im Roman heifst, in Brandis bestattet ward, nach der Heimat übergeführt wurde. In ihr war 
die Kreuzfahrt nicht oder nur mit der Ritterschaft des Helden, sein Tod mit der geschichtlich 
gegebenen Erkrankung begründet, in ihr gab die Dame dem Ritter nur einen Ring, in ihr traf der 
Herr auf der Jagd mit (zwei) Begleitern den Diener, fragte ihn, ohne das Kästchen zu sehen, 
was er brächte, und empfing dasselbe von ihm, nachdem er ihn zum Geständnis gezwungen, in 
ihr tötete die Frau sich selbst, indem sie sich herabstürzte (oder Gift nahm?). Von dieser 
kurzen Erzählung, der Quelle der Histoire und der Predigt, wird es eine Variante gegeben haben, 
nach der die Kreuzfahrt des Ritters durch die Absicht des Mannes, mit seiner Frau eine solche 
zu unternehmen, begründet wurde. Ihr, seinem msere, folgte Konrad genau, indem er nur 
hinzufügte, dafs der Ritter durch die Frau zum Kreuzzuge aufgefordert wurde, während Sakesep 
die Frau und den Ritter vom Manne überlistet, den Helden durch einen vergifteten Pfeil ver- 
wundet werden liefs, die Gedichte einfügte u. s. w. 

Was den zweiten niederländischen Roman anbetrifft, so scheint mir das französische 
Urbild desselben trotz der — übrigens doch auch bei Konrad wenigstens thatsächlich fest- 
gehaltenen — Unschuld der Frau späteren Ursprungs als der französische Roman. Das zeigt die 
ganze unhistorische Einkleidung in das Gewand des karolingischen Zeitalters, mit dem doch der 
Herr von Coucy gar nichts zu thun 'hatte. Die Entwickelung wird ziemlich dieselbe gewesen 
sein wie in Sakeseps Werk ; der Herr von Famweel verschuldete nicht direkt den Tod des Ritters, 
wie man aus dem Worte „naer** erkennt (II 1859 ff.): 

Ende dat was vernoy ende quäle, 
Dat hi zeder wel anschijn 
Dede der vrouwen fijn 
Naer die doot van hären lieve. 



— 22 — 

Vielleicht aber zog Dominicas gar nicht ins gelobte Land, sondern fiel schon im Kampfe gegen 
Masebrouc. Was übrigens letzteren Namen anbelangt, so fliefst nordöstlich von Estree-St. Denis 
der Fiufs Hats, an dem Merian ein Pont du Mas verzeichnet. Wenn der Gegner des Dominicus ur- 
sprunglich hiernach benannt ist, so liegen dem Gedichte trotz seiner barocken Einkleidung doch 
vielleicht geschichtliche Kämpfe des Hauses Coucy zu gründe. Brunenstein könnte Pierrefonds sein, 
und für den Namen des Knappen Lucaen möchte ich Lucan, den „bouteiller*' des Königs Artur 
(Le Grand, I 68) zur Vergleichung heranziehen. Manches scheint auch dem Chevalier au Cygne 
nachgebildet zu sein, vgl. die Namen Bouillon, Renier, Beatrijs; auch die in den Cento novelle (61) 
von einem Alamanno (nach Diez, Leben und Werke der Troubadours, 429, von Richart de Barbe- 
zieux) erzählte Geschichte zeigt Ähnlichkeit mit dem Anfange des Romans. 



Draek von W. Pormetter in Berlin. 



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